Der Nachtmarsch

Hier wird über Kriegskonflikte, Schlachten und Waffen der Neuzeit diskutiert.
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Krupp
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Der Nachtmarsch

Beitrag von Krupp » 18.09.2003, 10:58

Hi Leude

So wie es aussieht, werde ich hier mal den Anfang machen.......

Es war Mittag 12.00Uhr und die Sonne brannte unbarmherzig auf unsere Köpfe runter.
Ich fragte mich zu diesem Zeitpunkt, "wieso müssen wir gerade jetzt den 60km Marsch antreten, bei dieser Bruthitze"....
Aber da nützte alles nichts, Punkt 12.00Uhr marschierten wir los.
Wir trugen den gefleckten Kampfanzug, das Gewehr und die restlichen Soldaten Utensilien.
Lediglich auf den schweren Rucksack wurde verzichtet.
Die Kolonne unserer Kompanie zog sich in die Länge und wir marschierten durch kleine Dörfer, Feldwege und Auen.
Da mich dieser Marsch mehr als nur ankotzte, marschierte ich mit einem Kumpel am Ende der ganzen Kompanie, nur noch ein Feldwebel, der das Schlusslicht machte, war noch hinter uns.
So langsam kamen wir in hügeliges Gelände und der Anstieg zur ersten grossen Geländeerhebung begann.
Weiterhin war mein Kumpel und ich am Ende der Kompanie und so langsam verloren wir den Anschluss an unsere Vorderleute.
Der Feldwebel forderte uns auf, etwas mehr Tempo zu machen, was wir kategorisch ablehnten, wir waren sowas von sauer......
"Nun", sagte der Feldwebel, "wie Ihr wollte, bald ist der erste Stundenhalt und es kann nur in Eurem Interesse sein, da pünktlich einzutreffen"...
"Ich werde auf jeden Fall nicht weiter hinter Euch marschierend den Anschluss verlieren und wenn wir zurück sind, meine Herren, hat dies ein Nachspiel".....dies waren seine letzten Worte, danach machte Er Tempo und distanzierte sich von uns.
Mein Kumpel und ich dachten...lauf doch nur zu, Du Narr, wir haben keinen Bock.
Nach einer Weile sahen wir vor uns keinen Kameraden mehr und es kam uns nun doch etwas komisch vor.
Auch wir verschärften nun etwas das Tempo und sahen dann weit vorne bei einer Waldlichtung die ganze Kompanie sitzend und sich verpflegend.
Toll dachten wir, endlich Stundenhalt...Hurra!!!
Wir erhöhten unser Tempo noch einmal und wollten möglichst schnell mit unseren Kameraden die kurze Pause geniessen.
Als wir beinahe den Rastplatz erreicht hatten, sahen wir, wie sich die ganze Kompanie wieder erhob und der Kompaniekommandant den Befehl gab " Stundenhalt beendet, es geht weiter".
Wir trauten unseren Ohren nicht........und begannen zu fluchen :evil:
"Was gibt es da zu fluchen, meine Herren" sprach uns unser Leutnant an.
"Wir hatten keine Stundenrast, Herr Leutnant"......"das ist Euer Problem, würdet Ihr nicht am Schluss sondern mit der ganzen Kompanie marschieren, würdet Ihr jetzt nicht fluchen, weil Ihr keinen Stundenhalt machen könnt".
Es gab kein Pardon, wir mussten ohne Pause weiter marschieren!!
Die Steigung wurde immer heftiger und einige Kameraden wurden langsamer. Wir erreichten die Schneefallgrenze und hatten nun das vergnügen, im Schnee marschieren zu können :shock:
Ich kämpfte zu diesem Zeitpunkt auch schon etwas mit der Müdigkeit.
Nach weiteren 40Min. marsch stolperte ich über eine Wurzel und viel Kopfüber in den Schnee.
Mein heisses Gesicht tauchte in den kühlen Schnee und ich kam mir vor wie ein Ei, dass unter dem kalten Wasser abgeschreckt wurde.
Ein Kamerad half mir auf und fragte mich, ob es mir soweit gut geht.
Während ich mich aufrappelte bot Er mir an, dass ich mich hinten an seinem Spatenstiel halten könne, Er würde mich ein Stück ziehen.
Ich fand dies ein feiner Zug und nahm an.
So schleppte mich dieser Kamerad eine Weile und nach ca. 15.Min. liess ich den Spatenstiel los und lief von selbst weiter.
Ab diesem Punkt marschierte ich wie eine Maschine ohne weiteren Schwächeeinbruch und ohne murren und fluchen.
Es war inzwischen 20.00Uhr geworden und wir marschierten noch immer.
Nach einigen weiteren Steigungen ging es dann endlich bergab, was aber nun extrem in die Knie ging und auch die Füsse begannen sich mit schmerzen zu melden.
Es ging nun nur noch Talwärts, runter zum See, in dem sich der Mond spiegelte.
Nach weiteren 45Min. erreichten wir den See, da gab es einen kurzen halt.
Die Nacht war nun vollends eingebrochen und wir freuten uns jetzt schon auf unser Betten, aber soweit waren wir noch lange nicht.
Es wurde nun auf einer Asphaltstrasse um den See marschiert, dieser zog sich aber arg in die Länge.
Inzwischen war es Stockdunkel geworden, es war ca.22.00Uhr und wir waren noch immer nicht am Ziel.
Einige Kameraden hatten schon riesige Blasen an den Füssen und konnten kaum mehr gehen, aber Sie hielten durch und marschierten weiter.
Ich hatte das Glück, dass ich mein Schuhwerk sehr gut eingetragen hatte und sich meine Füsse gut an die robusten Militärschuhe gewöhnt hatten.
Punkt Mitternacht kamen wir wieder in unserem Basislager an, alle waren erschöpft und wollten eigentlich nur noch in die Federn fallen, aber nichts da.
„Auf einer Linie sammeln und ausrichten“ schrie der Feldwebel….“marsch, marsch, es ist noch nicht Nachtruhe“.
Die ganze Kompanie stand nun Gewehr bei Fuss und wartete weitere Befehle ab.
Der Kompaniekommandant, der selbstverständlich auch mitmarschiert war (war ein wirklich gutes Vorbild für uns) verkündete folgendes.
„Soldaten, Ihr habt eine gute Leistung vollbracht und ich bin zufrieden mit Euch,…………Ihr seid sicher alle Müde und wollt in die Falle, aber soweit ist es noch nicht.
Zuerst werden wie gewohnt die Schuhe geputzt, diese werde dann von den Korporälen auf Sauberkeit kontrolliert.
In der Kantine könnt Ihr Euch noch verpflegen, danach ist Nachtruhe.
Zugführer, übernehmt Eure Züge…marsch“
Danach ging es ans Schuhe putzen.
Die meisten waren so auf der Schnauze und gingen deshalb direkt in die Falle.
Auch ich hatte genug für heute und legte mich in meine Koje.

Die war der Tagesbericht unseres 60km (Luftlinie) Marsch, in Wirklichkeit waren es fast 90km Strecke, die wir zurück gelegt hatten.
Auch ich kam nicht ohne Blasen davon und zudem hinterliess der Gewehrriemen auch noch seine Spuren im Nacken und Halsbereich, aber dies störte mich um diese Zeit nicht mehr.
Ich schlief wie ein Stein.

Gruss

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Beitrag von Luede » 19.09.2003, 22:59

Ich glaube, der längste Marsch, den man in der Bundeswehr als Wehrpflichtiger absolvieren muss, ist nur 40km lang. Es gibt aber auch einen 20km Eilmarsch, der sehr anstrengend sein soll. Naja, werds ja bald merken :)

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Beitrag von Krupp » 20.09.2003, 19:30

Hi Luede

Ein angehender Leutnant muss einen 100km Marsch absolvieren, der geht auch mächtig in die Beine...muaaahhh
Unser Marsch sollte eine 60km Marsch sein, aber eben Luftlinie, am Schluss war es dann etwa 30km mehr. :shock:
Aber ich sag Dir, wenn man die ganzen Strapazen hinter sich hat, ist man Top Fit :wink:

Gruss

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Beitrag von Sniper » 01.10.2004, 09:19

tag krupp...

schöne storry vom "großen marsch"... da gruselt es mich schon... hab auch schon mit einigen darüber gesprochen die den 20km...60(90 :wink: ) marsch durchgemacht haben...
also ich kann nur sagen, hut ab, soetwas zu "überleben"... nicht jedermanns sache...
aber so ein leutnannt kann einen doch auch schon leid tun... der macht das selbe durch mit der gruppe und der hat das ganze auch schoneinmal durchmachen müssen...
und ich ar... will das auch machen.. naja...

tschau... sniper
bitte nicht bei der Arbeit stören
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Danke...

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Beitrag von [-ZK-] » 01.10.2004, 15:20

vor allem muß so ein leutnant auch die moral der truppe aufrecht erhalten.- da muß man ganz schön durchsetzungsvermögen haben, sonst geht gar nichts(keiner) mehr.

bye-ZK666


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Re: Der Nachtmarsch

Beitrag von Bacchus » 01.10.2004, 22:42

[stg]Krupp hat geschrieben:Die war der Tagesbericht unseres 60km (Luftlinie) Marsch, in Wirklichkeit waren es fast 90km Strecke, die wir zurück gelegt hatten.
Entweder ihr seid wirklich unglaublich hart in der Schweiz, dir ist ein Fehler unterlaufen oder ich habe etwas falsch verstanden.

Ihr seid in 12 Stunden fast 90km marschiert. Das bedeutet eine Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 7,5km/h. Das ist erhöhte Eilmarschgeschwindigkeit und wenn ich mich erinnere wie wir nach einer einzigen Stunde dieses Tempos aussahen ( nämlich nicht mehr Kampffähig ) dann fällt es mir äußerst schwer, dass eine normale ( oder warst du bei einer Spezialeinheit? ) Einheit in der Schweiz das 12 Stunden durchhält. Selbst ohne Gepäck, mit Turnschuhen in der Ebene wären 90km in 12 Stunden eine ordentliche Leistung. Aber mit Gepäck, Stiefeln und Höhenunterschieden ...

Bitte mich zu korrigieren falls ich etwas mißverstanden haben sollte.

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Beitrag von Krupp » 01.11.2004, 20:33

Hi Bacchus

Hast ne gute Auffassungsgabe und Du hast völlig recht, aber bedenke, das ist nun schon 25Jahre her.
Mein Bericht entstammt meiner Erinnerung und ich versuchte es so gut wie es ging wiederzugeben.
Habe dsbzgl. noch was zu ergänzen:

- Wir waren keine Eliteeinheit, aber als Infaterist ist marschieren ein enorm wichtiger Apsekt und wir waren schon ziemlich gut drauf, dass kann ich ohne Angeben sagen.
Natürlich war mir um diese Zeit und zu Beginn gar nicht nach latschen, aber auch ich hatte keine andere Wahl und gab danach mein bestes.

- Mit den Kilometern bin ich mit 90km vermutlich übers Ziel hinaus geschossen, aber es muss zwischen 60 + 90km gewesen sein.
Natürlich hat uns die damalige Führung die effektiven Marschkilometer nicht mitgeteilt, aber unser Zug hat dies so gut es ging errechnet und so entstand diese Zahl.
Man hat da sicher noch etwas aufgerundet.... :lol: :wink:

Eins kann ich Dir aber sagen, trotz meiner Marscherprobtheit und meinen eingelaufenen Schuhen hatte ich dennoch unzählige Blasen, die danach heftig schmerzten.
Darauf nahm aber keiner Rücksicht, es sei denn, man konnte wirklich nimmer gehen. :zzz5

Dies zum Thema "fröhliches Beisammensein im Marschtempo" :D

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Beitrag von Ciceri » 01.11.2004, 21:49

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